Erfahrung ist keine Blaupause
Auch während der Eignungsprüfung und der Zuschlagsphase bieten sich zahlreiche Möglichkeiten, die Kreislaufwirtschaft stärker zu berücksichtigen. Dabei ist es jedoch wichtig, klar zwischen diesen beiden Phasen zu unterscheiden. Eignungsanforderungen sind rückblickend ausgerichtet: Sie dienen dazu, anhand bisheriger Erfahrungen zu prüfen, ob ein Bewerber oder Bieter für die Ausführung des Auftrags geeignet ist. Zuschlagskriterien hingegen sind zukunftsorientiert und bewerten, was der Bieter konkret für den jeweiligen Auftrag anbietet.
Es geht also nicht nur darum, ob ein Unternehmen bereits Erfahrungen mit zirkulärem Bauen gesammelt hat, sondern vor allem darum, wie es die Grundsätze der Kreislaufwirtschaft in ein konkretes, umsetzbares Angebot für den jeweiligen Auftrag überträgt.
„Der Markt entwickelt sich ständig weiter“, erklärt Loes. „Wenn man ausschließlich Unternehmen auswählt, die bereits zahlreiche zirkuläre Projekte umgesetzt haben, schließt man möglicherweise gerade diejenigen aus, die innovative Ideen oder Technologien mitbringen. Einerseits möchte man Raum für Innovationen schaffen, andererseits muss ausreichend sichergestellt sein, dass ein Unternehmen den Auftrag ordnungsgemäß ausführen kann. Das erfordert eine sorgfältige Abwägung.“
Diese Abwägung fällt bei jedem Vergabeverfahren anders aus. Nach Ansicht von Vera und Loes gibt es daher keine allgemeingültige Blaupause für eine kreislauforientierte Beschaffung. Bei manchen Aufträgen ist es sinnvoll, bereits bei der Eignungsprüfung verstärkt Anforderungen an die Kreislaufwirtschaft zu stellen. Bei anderen empfiehlt es sich dagegen, den Schwerpunkt auf entsprechende Zuschlagskriterien oder Ausführungsbedingungen zu legen.
„Es geht nicht darum, alle verfügbaren Möglichkeiten auszuschöpfen“, erklärt Vera. „Entscheidend ist, dass man sich im Vorfeld bewusst überlegt, welche Entscheidungen am besten zu den konkreten Anforderungen und Herausforderungen des jeweiligen Auftrags passen.“
Die Rolle von KI in Vergabeverfahren
Bei der Bewertung von Konzepten und Umsetzungsvorschlägen spielt inzwischen auch eine weitere Entwicklung eine wichtige Rolle: künstliche Intelligenz (KI). Während KI bei der Erstellung von Angeboten, beispielsweise beim Verfassen von Umsetzungskonzepten oder Ausschreibungsunterlagen, unterstützen kann, sehen Vera und Loes darin auch neue Risiken.
„Dank KI kann ein Text sehr überzeugend wirken. Gleichzeitig ähneln sich die eingereichten Konzepte dadurch immer stärker“, erklärt Vera. „Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass die Inhalte tatsächlich zum jeweiligen Auftrag passen oder dass ein Bieter auch wirklich leisten kann, was er verspricht.“
Loes betont, wie wichtig es ist, zunehmend konkrete Praxisbeispiele einzufordern, anstatt sich ausschließlich auf allgemeine Konzepte und Visionen zu verlassen. Die entsprechenden Zusagen müssen zudem vertraglich festgehalten werden, damit die ausgeschriebenen und im Angebot zugesagten Leistungen tatsächlich umgesetzt werden. „Letztlich kommt es auf die Umsetzung an. Wer Ziele im Bereich der Kreislaufwirtschaft verfolgt, muss sich auch Gedanken darüber machen, wie deren Einhaltung während der gesamten Vertragslaufzeit überwacht werden kann.“
Dazu gehören beispielsweise die Überwachung der vereinbarten Leistungen, Regelungen zur Wartung, die Rücknahme von Materialien oder die Förderung der Wiederverwendung „So wird die Kreislaufwirtschaft während der gesamten Projektlaufzeit zu einem festen Bestandteil der Zusammenarbeit.“ Vera und Loes beobachten, dass die Marktteilnehmer zunehmend aus ihrer Zurückhaltung heraustreten und sich die Gespräche mittlerweile verändern.
„Die Zeiten, in denen man bei der Kreislaufwirtschaft lediglich ein Häkchen setzen musste, sind vorbei“, erklärt Loes. „Die Frage ist längst nicht mehr, ob öffentliche Auftraggeber kreislauforientiert beschaffen möchten, sondern wie sie dabei vorgehen müssen, damit am Ende tatsächlich das geliefert wird, was vereinbart wurde. Dieser Wandel stellt nicht nur neue Anforderungen an die Vergabestellen, sondern auch an die Marktteilnehmer selbst.“
Nach Ansicht von Vera ist es für Unternehmen wichtig, sich bereits heute mit der Rolle der Kreislaufwirtschaft innerhalb ihrer eigenen Organisation auseinanderzusetzen. „Der Markt entwickelt sich rasant. Unternehmen, die sich heute mit zirkulären Lösungen beschäftigen, sind besser darauf vorbereitet, die Anforderungen der Auftraggeber von morgen zu erfüllen. Deshalb ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen.“
Die beiden advocaten sind sich einig: „Die Kreislaufwirtschaft muss kein separates Kapitel in einer Ausschreibung sein. Vielmehr sollte sie als roter Faden durch das gesamte Vergabeverfahren führen. Wenn man zum richtigen Zeitpunkt die richtigen Entscheidungen trifft, entsteht Raum für Lösungen, die nicht nur nachhaltiger sind, sondern letztlich auch besser zu den konkreten Herausforderungen der Auftraggeber passen.“